Wie natürlich darf Wein sein bzw. schmecken?

Natürlich will kein Genussmensch Wein mit Toasting-Holzchips in Edelstahltanks. Das ist mehr als eine Geschmacksverirrung. Aber wie natürlich darf es sein. Bzw. wieviel Natur schmeckt noch und macht Freude – Definitionen zu Begrifflichkeiten wie Raw, Orange und Naturwein mal ganz außen vor gelassen.

Neulich bei einer köstlich begleiteten und unterhaltsam wie lehrreichen Verkostung:
Optisch herausragende Flaschen, mit herausstechenden Etiketten und auch auffälligem Glasinhalt. Naturtrüb, ungefiltert, minimalst geschwefelt, mal mehr mal weniger Farbbrillanz. Der Geruch: sinnlich? Eher, erdig, bäuerlich-hofig-mostig. Natur! Aber kaum bis keine klassischen Weinnoten (jedenfalls bei den „Weißen“). Unter anderem auch noch Silvesterfeeling mit dem typischen Mitternachtsgeruch von Wunderkerzen und Böllern. Klassifizierung, Sortentypizität? Schwer bis nicht einzuordnen.
Einzig der Rotwein präsentiert sich mit einer erkennbaren Nase. Der Geschmack: nicht klar, aber auch nicht schlecht. Auch hier eher Saftaromatik. Mit Ausnahmen!
Der Rosé überrascht, zeigt sich mit feinen Nuancen und Fruchtigkeit, optisch eine Pink Grapefruit. Macht Spaß, auch über ein Glas hinaus! Allerdings sollte man ihn nicht zu lange links liegen lassen, denn an der Luft fällt er zusammen. Der Rote, unfiltriert, aber auch unmissverständlich ein Blaufränker. Er bleibt an der Luft stabil. Und ist auch als solcher erkenn- und schmeckbar. Auch hier ist Trinkfluss vorhanden.
Beide sind als Reiseleiter in die Welt der Naturweine zu empfehlen.

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Die verkostete Linie von Pittnauer heißt passender Weise „dogma“. Und genau das, also dogmatisch, darf man bei einem Glas Naturwein nicht sein, man muss sich öffnen. Wer Weinerfahrung und eine klare Vorstellung – nicht nur im Glas – von Rebsorten und Aromen hat, findet sich wohl nicht gleich in der freien Natur zurecht.
Es ist wohl vergleichbar mit dem Kunstumbruch vor einhundert Jahren, als die Epoche der Expressionisten mit ihren Freikörperkulturbildern die impressionistischen, filigranen Flaniermeilengemälde abgelöst haben.


Wessen Gaumen noch nicht klassisch weingelernt bzw. -voreingenommen ist, wer sich schon durch die Craft Beer Welt getrunken hat, wird eher Gefallen und Geschmacksnuancen wiederfinden. Die Aromatik beider Welten ist deutlich verschieden und vergleichbar mit derbem Landleben – inkl. Matsch und Misthaufen – versus Kö, Mö und Maximilianstraße.

In letzterer Kategorie, allerdings nicht als gespiegelt-geschniegelte Boutique mit Glas und Edelstahl, sondern eher als ein im skandinavischen Stil mit Naturmaterialien ausgestatter Conceptstore, verkosteten wir noch einen Neuburger vom Leithaberg am Neusiedlersee, Jahrgang 2015, vom Weingut Tinhof. Bio! Mit Dynamik, Kraft, Reife, Klarheit, Feinheit, Wildheit und Natürlichkeit. Kein Kompromiss zwischen Weinklassik und Naturwein sondern eine gelungene Symbiose, die großen Spaß macht und viel Genuss bereitet.


Der Natur ganz nah: eigene Ernte, allerdings nur als Traubensaft.

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Ein weiteres „Experiment“: 2 Weine, gleicher Winzer (Juris), gleicher Jahrgang, vergleichbare Lagen (im Burgenland, ebenfalls Neusiedlersee), einmal Altenberg und einmal Heideboden. Allerdings junge und alte Rebstöcke (Chardonnay). Hier ganz klar: alt besitzt mehr Kraft, Druck und Ausdruck! Die Präsenz im Glas: cremiger, würziger. Der Junge deutlich leichter, aber auch noch nicht so charaktervoll – nascht und nuanciert noch Fruchtgummis …


Zum Abschluss des Abends noch ein Reserven-„Vergleich“ vom Stift Klosterneuburg. Ein St. Laurent und ein Pinot Noir. Beide Jahrgang 2014. Der „Saint Laurent“ ein Schmeichler, aber gerade nach so einem Abend mit Ecken und Kanten eine Spur zu glatt und sanft. Radio-Pop-Musik im Glas, wo wir doch eigentlich schon Major Tom und die Space Oddity gehört haben …  Der Pinot deutlich facettenreifer, nicht anspruchsvoll wie es gerne behauptt wird. Einfach richtig gut trinkbar und um trinklängen unterhaltsamer. Ein Charakter der trotz Transparenz interessant bleibt.


Fazit zu fortgeschrittener Stunde: die ein oder andere Flasche mehr Natürlichkeit mit Persönlichkeit im Keller ist sicherlich von Vorteil wenn man spontan (nicht nur vergoren) selbst auf persönliche Stimmungen und auch Gekochtes reagieren und trinken möchte.


Danke an die Gastgeber für diesen Weinblick und den Abstecher in den aktuellen Weinnaturalismus.
Wer einen gelungenen Selbsterfahrungstrip buchen möchte: 24/7 online beim Grünen Veltliner.

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