Weingut Wittmann – ein gelungener Biolance-Akt

Was heute so leicht und tänzelnd schmeckt, ist harte Arbeit. Und war vor Jahrzehnten vor allem Überzeugungsarbeit. Wenn man es aber in nur 30 Jahren in den Riesling-Weinhimmel schafft, darf man mit Stolz himmelblau strahlen.

Tief verwurzelt in Rheinhessen.
Westhofen und Wittmann, das hat Tradition. Der Weinbau ist mit 350 Jahrgängen tief verwurzelt. Lange Zeit lebte die Familie mit und von der gemischten Landwirtschaft. Neben Getreide und Obst spielte der Wein mit einigen Parzellen noch eine untergeordnete Rolle. Der Qualitätsanspruch war schon immer da. Bereits vor über hundert Jahren wurden die Weine fassweise nach Berlin verkauft und in den goldenen Zwanzigern auch in Flaschen dorthin vermarktet. Auf dem Boden sind sie immer geblieben. Und haben dabei Weitblick bewiesen.

Widdewidde, Wittmann, Bio, Bio!
Das Kinderlied vom Entdecker Columbus kennen sicher ebenso viele wie die hellblau gestreiften Etiketten des Weinguts. In den Liedzeilen lassen sich durchaus parallelen zu den Rebreihen der Familie finden. Columbus war Seefahrerpionier. Die Wittmanns sind Bio-Pioniere. Auf zu neuem Boden auch ihr Motto. Zu gesundem Boden. Die Ahnen der Wittmanns stechen ihre Reben zwar erst 200 Jahre nach Columbus in Seeheim in den Boden, so hieß Westhofen im 17. Jahrhundert, die Erfolgsgeschichte nahm dafür keine Irrwege.
Die besondere Boden-Fürsorge teilen sie mittlerweile mit 25 Weingütern aus Österreich und Deutschland sowie Südtirol, die sich in der Gruppe Respekt biodynamisch austauschen und gegenseitig befruchten. Dieser Begriff sei in diesem Naturkreislaufkontext erlaubt.

Vollblut-Bio-Winzer und Vorreiter einer ganzen Generation
Vor 40 Jahren stellten Elisabeth und Günther Wittmann den gesamten Betrieb auf biologische Arbeitsweise um. Damit waren sie Vino-Visionäre. Chemie im Boden war für Günther Wittmann gleichbedeutend mit toter Erde, die er den Kindern übergeben würde. Es war mutig und keine leichte Zeit, denn es gab noch keine Mitstreiter und auch kein Verlangen – jenseits von Müsli. Die Wittmanns blieben ihrer Idee treu, trafen aber eine Entscheidung. Da der biologische Landbau mehr Zeitaufwand und Spezialisierung erforderte setzten sie 1990 alles auf eine Karte. Und landeten damit auf vielen Weinkarten von Top-Restaurants. Von nun an klebte neben dem „Atomkraft? Nein danke!“-Aufkleber auch ein Weingut-Schild am Hof. Die Liebe zur Natur und zur Artenvielfalt ist dabei bis heute spürbar und erlebbar.
Wahrscheinlich dreht das ZDF Corona-bedingt gerade sämtliche neuen Rosamunde Pilcher Folgen in der traumhaften Gartenanlage des Weinguts. Allein im Rosengarten finden sich 350 Arten, die jetzt ihren Duft verströmen und mit der Eleganz der Weine konkurrieren.

Trockene Terroir-Visitenkarte.
Wie sehr sich der biologische Anbau auf die Qualität auswirken würde, war ihnen anfangs nicht klar. Schnell haben sie aber die Individualität die sich im Wein ergibt entdeckt. Die Besonderheit deutscher, trocken ausgebauter Rieslinge in der Wein-Historie nahm sich Günter Wittmann zum Vorbild. Die Tradition dieser Weinstilistik wurde wiederbelebt – in der Schatzkammer des Weinguts finden sich dafür noch Belege aus den 1920er-Jahren. Und so machten sie sich langsam aber beständig mit trockenen Weinen, strahlender Frucht und großer Präzision einen Namen. Ihr heutiges Markenzeichen entstand ganz nebenbei: Die hellblauen Streifen der heutigen Etiketten sind der Wandfarbe des Degustationsraums entliehen, den die Wittmanns in einer ehemaligen Scheune errichteten. Den hellen, lichtdurchfluteten Raum zieren die markanten hellblau-weißen Querstreifen.


Neue Biolance.
Den Kurs des Vaters vertiefte Philipp Wittmann, der 1999 mit Anfang 20 an Bord ging. Als er die Vinifizierung im Familienbetrieb übernahm, war das Weingut bereits über die Grenzen der Region bekannt. Sein Fokus, die Balance der Reben. Um dies zu erzielen ging konsequent einen weiteren Schritt – hin zur Biodynamie. Die Reben lebten nun bereits zwei Jahrzehnte in einem biologisch bewirtschafteten Umfeld. Mit dem seit 2004 zertifizierten biodynamischen Anbau bekam er noch vitalere und nährstoffreichere Böden, denn ein Aspekt dieser Philosophie ist auch die Kompostwirtschaft.

Großer Mist oder Segen?
Was passierte? Das Wachstum verlangsamte sich, die Reben wurden ausgeglichener, die Trauben machten die Weine noch klarer, präziser und tiefgründiger. Nicht nur schmeckbar, auch an den vielen Auszeichnungen ablesbar, die das Weingut mit den Jahren bekam.
Außerdem reduzierte Philipp Wittmann die Erträge und bevorzugte die alten Reben, die tief im Boden wurzeln und damit die Herkunft deutlicher transportieren. Sein zweites großes Thema.


Wer sich mit Biodynamie intensiver auseinandersetzen will, muss sich in die Lage des Weingartens und der Natur versetzen, belohnt wird man dafür mit tiefgründigem Wissen und tiefgründigen Weinen. Es geht dabei um Feinsinn, nicht um die dicksten Trauben. Um die Beobachtung des Vegetationsverlaufs, darum die Bedürfnisse und inneren Kräfte des Weinstocks zu verstehen, mit der Kraft der Sonne, des Windes und der Wirkung des Niederschlages zu arbeiten.
So erhält man nachweislich gesunde Böden, vitale Reben, tiefe Verwurzelung. Die Reben erlernen eine natürliche Widerstandsfähigkeit und schenken dem Wein die Typizität der einzelnen Weinberge.
Und die ist schon in den Gutsweinen zu schmecken, die Philipp Wittmann besonders am Herzen liegen.


Ausgeglichenheit und Gelassenheit im Zeichen der Zeit.
Was vital und balanciert wächst, muss auch im Keller mit Zeit und Ruhe zu sich selbst finden – so das Credo von Philipp Wittmann. Der alte Gewölbekeller von 1829, der unter dem Garten der Eltern liegt, bringt alle Kriterien für eine entschleunigte und individuelle Entwicklung mit. Im Keller kann sich die Reife, die im Weinberg entstand, in Ruhe fortsetzen. 80 Holzfässer stehen dort, jedes gehört zu einer Weinbergparzelle. Die Individualität setzt sich also fort. Gefüllt wird erst wenn Zeit und Wein reif sind.


Das schmeckt man auch bei den noch jungen Weinen des 2019er Jahrgangs. Riesling und Weißburgunder der Gutswein-Linie sind frisch, filigran, finessenreich. Der Weißburgunder entwickelt im Glas mit der Zeit enorm an Ausdrucksstärke und Saftigkeit. Und er zeigt auch mit jedem weiteren Tag in der geöffneten Flasche neue Nuancen.

Der vielmals beschriebene Faktor Zeit lässt sich im 2018er Riesling „vom Kalkstein“ erleben. Er ist reifer, intensiver. Quitte und Bienenwachs neben Mineralik und Frische.

Großes Holz und großes Kino bietet die Ortswein Cuvée Weißburgunder & Chardonnay. Der Wein beeindruckt mit einer kraftvollen Nase von Kokos und Mango, schmeichelt frisch und leicht am Gaumen. Exotisch und rauchig – in einer sehr balancierten, schmackhaften Form.

Dabei sind es keine lauten Weine, man wird nicht mit Showeffekt in den siebten Himmel katapultiert, aber mit jedem Schluck strahlt der Himmel einen Streif hellblauer.


Wer die deutschen Winzer der Respekt-Gruppe live erleben möchte, kann sich die Online-Verkostung vom letzten Wochenende bei „cheers with me“ ansehen! Zusammen mit dem Weingut Christmann und Ökonomierat Rebholz legen sich die drei „Muskatellertiere“ für Biodynamie, Boden und Herkunft ins Zeug. Das passende Verkostungs-Weinpaket ist noch beim Weingut Christmann zu bekommen. Cheers!

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