Traube. Liebe. Hoffnung.

Wie wandelt sich Wein mit dem Klima? Über Zucht und Neuordnung.

Hamburg Ende Januar. Endlich mal Sonne. Aber auch 15 Grad. Im Radio liest Matthias Brandt aus seinem Roman Blackbird, der nach einem Rotwein namens Amselfelder benannt ist. Draußen im Garten sucht eine Amsel Äste und Winterfell vom Nachbarhund um ein Nest zu bauen. Die Hortensien und Rosen knospen. Es wird wärmer. Spürbar.

Umdenken oder umpflanzen?
Das Lied „Leise rieselt der Schnee“ hat keine Zukunft mehr. Da nützt es auch nichts an den Weihnachtsmann zu glauben. Das Eis ist dünn. Die Wetterkapriolen nehmen zu. Das erschwert besonders denen das Leben, die von der Landwirtschaft leben. Und es hat auch Auswirkungen für alle Menschen, die das Leben genießen. Mit gutem Essen, vor allem aber gutem Wein.
Altehrwürdige Lagen und traditionelle Rebsorten werden in Zukunft vielerorts nicht mehr die Weine hervorbringen, die ihren Ruf geprägt haben. Und ich meine nicht Amselfelder. Frische zu erhalten wird ebenfalls eine Herausforderung. Kühlere und höhere Lagen rücken in den Fokus. Und auch die Arbeit im Weingarten erfordert Veränderung, denn Trauben bekommen vermehrt Sonnenbrand.
Die Winzer haben die Zeichen längst erkannt. Im Weinbau hat sich das Bewusstsein bereits gewandelt. Nachhaltige Landwirtschaft, biologischer und biodynamischer Anbau werden entweder schon gelebt oder nehmen deutlich zu. Besonders in Österreich. Der biologische Weinbau hat hier einen Anteil von 14%. Klingt nicht viel, aber damit ist Österreich Vorreiter in Europa und hat entsprechend Erfahrungen gesammelt, und daraus Qualität entwickelt.


Pi, wie?
Auch bei einem weiteren Thema sind sie einen Schritt weiter. Bei den Trauben selbst. Hier pflanzen Winzer neue Züchtungen, pilzwiderständige Rebsorten: PIWI-Rebsorten. Es handelt sich also nicht um ein Rechenbeispiel mit der Zahl Pi, kein betriebswirtschaftliches Controlling, eher ein Wettercontrolling, die Suche nach der Formel für eine neue Klimakonstante.
Die neuen Sorten sind vor allem im Hinblick auf biologisch-organische Bewirtschaftung von Vorteil. Denn die Pilzwiederstandskraft erleichtert das Nichteingreifen des Menschen durch „Pflanzenschutz“-Mitteln, was natürlich tabu ist beim biologischen Anbau.


Der Wein für den Klimawandel?
In Österreich gibt es derzeit eine handvoll PIWI-Rebsorten: Blütenmuskateller, Souvignier Gris, Muscaris, Ráthay und Roesler.

Blütenmuskateller ist die älteste PIWI-Züchtung. 1947 wurde sie von Mütterchen Russland mit dem Namen Zwetotschny geboren. Sie wächst lockerbeerig und lässt damit den Trauben Luft zum Trocknen, was auch dem Pilzbefall entgegenwirkt. Die Beeren haben eine geringe Neigung zum Aufplatzen, aber auch nach einem Hagel hilft der Abstand den gesunden Trauben gesund zu bleiben. Der Name der Rebe verrät es: Blüten- und Muskataromatik machen diese Sorte aus. Außerdem kann sie mehr Zucker bilden, was sie für Süßweine interessant macht.

Eine weitere Sorte ist Bronner. Gezüchtet wurde sie nicht an der Brünner Straße, sondern ebenfalls in Freiburg. Es ist eine Kreuzung aus Merzling und St. Laurent. Der Merzling wiederum ist eine Züchtung aus Riesling und Ruländer. Die Weine können burgundisch, frisch und fruchtbetont werden.

Muscaris ist eine Freiburger Züchtung aus Solaris und gelbem Muskateller. Solaris wiederum entstand aus Merzling und Muskat-Ottonel. Also auch eine Duftrebsorte.

Souvignier Gris ähnelt optisch dem Pinot Gris, dem Grauburgunder. Die Rebsorte wurde aus Bronner und Cabernet Sauvignon gezüchtet.

Ráthay und Roesler sind „autochtone“ Neuzüchtungen von Gertrude Mayer. Sie haben Blaufränkischwurzeln und stammen natürlich aus Österreich, aus Klosterneuburg.

Genug Stammbaumtheorie, kommen wir zu den Rebstöcken, deren Geschichte und Wurzeln noch jung sind.


Die Steiermark gehört zu einer wunderbaren aber auch wandlungsfähigen Region. Viele Winzer verbinden Traditionsbewusstsein mit Aufgeschlossenheit, sind neugierig und experimentierfreudig. Und handeln dabei stets mit hohem Qualitätsbewusstsein für ihre Produkte. Die Steiermark ist aber auch ein verhältnismäßig kühles und niederschlagreiches Fleckchen Erde. Wer hier biologisch arbeiten will hat es nicht nur durch die Steillagen schwerer. Gesunde Trauben ohne Pilzbefall zu ernten, ist hier durch das Klima eine Herausforderung. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt derzeit bei kühlen 11 Grad. Regen fällt eine Menge – zwischen 800 bis 1.000 mm. Davon 70% in der Weinwachstumsperiode bis zur Ernte – von Mai bis September.


In der Weinfamilie Winkler-Hermaden gehören Mut und Machen zur jüngeren Tradition. HIer brodelt die Liebe zum Wein auf vulkanischem Boden. Und vor gut 30 Jahren wurde die Familie um ein Mitglied erweitert: einem Rotwein namens Olivin. Georg Winkler-Hermaden fasste sich aus Liebe zu seiner Frau Margot ein Herz und pflanzte Zweigelt an, denn die hatte eine Liebe zum Rotwein. Mit diesem Schritt gewann er nicht nur ein Rotweinherz. Auch die neue Generation ist nicht nur verliebt in den Weinbau, sondern auch bereits verlobt und verheiratet. Und mit Leidenschaft dabei. Vielleicht wird ihr Muscaris-PIWI, was der Olivin heute ist.


Das Weingut Masser ist ebenfalls in der Steiermark beheimatet, allerdings in der Südsteiermark. Hier hat man keine Angst vor Herausforderungen. Sei es die Anschaffung eines ein „Fasses“ aus Granit oder eben die Neugründung eins PIWI-Labels, um biologische Weine mit größtmöglichem Bezug zur Natur zu schaffen. In der Gemeinde Gamlitz wird dieser auf kargen Sandsteinböden hergestellt. In der Geminde Leutschach wachsen die Reben auf lehmhaltigem Boden mit Tonmergel, hier liegt auch der Sturmkogel, auf dem die PIWI-Sorten wachsen.


Wie schmeckt PIWI?

Der Muscaris von Masser, Jahrgang 2018, ist sehr duftig, man erkennt die Familienzugehörigkeit zum Muskateller. Dominant sind aber Pfirsichfrucht und zitrische Mandarine, welche sich 1:1 am Gaumen widerspiegeln. Dabei ist er straight, schlank und wird von lebendiger Frische begleitet. Mit 11,5% kommen direkt Klischeegedanken an einen Sommernachmittag auf der Terrasse.

Der Muscaris von Winkler-Hermaden, auch Jahrgang 2018, wächst auf besagten Vulkanböden. Er hat einen würzigen Duft mit Anklängen von Limettenabrieb und erinnert eher an einen Traminer. Er hat Schmelz und einen eleganten Körper. Am Gaumen gesellen sich Steinobstnoten dazu, und ein Hauch Pfirsich.
Er macht sich auch zum Essen hervorragend. Dem mediterranen Zitronenhuhn mit Sardellen und Oliven, dass wir zur Verkostung gekocht haben, war er absolut gewachsen.

Die zweite PIWI-Sorte, der Souvignier Gris, duftet nach Birnen, ist leicht herb und mineralisch. Die noch präsente Kohlensäure gibt ihm eine erfrischende Lebendigkeit. Die kraftvolle Farbe verdankt er der gru-rötlichen Traubenfärbung sowie einem dezenten Holzeinsatz im Ausbau. Auch er machte sich gut zum besagten Huhn.


Amselfelder ist längst Geschichte. Wie sieht die Zukunft des Rieslings aus? Wird Muscaris ihn ersetzen?
Die Rebanlagen sind noch jung, somit bleibt es spannend, was für Weine entstehen, wenn die Wurzeln fest und tief im Boden und die Weine in den Köpfen verankert sind. Die unterschiedlichen Stilistiken zeigen aber bereits, dass auch eine PIWI-Sorte Vielfalt ins Glas bringen kann.

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