Steil, Schiefer, Riesling – das ist der Mythos Mosel

Was als leichtes Möselchen im Glas landet ist harte Arbeit. Und ein steiniger Weg. Nach drei Jahren Abstinenz besuchen wir wieder den Mythos Mosel.

Derselbe Streckenabschnitt liegt vor uns, von Briedel bis Ürzig. Die Anreise mit der Bahn zeigt in Winningen schon wie steil die Lage ist. Uhlen, eine lebende Legende. Nur der Bremmer Calmont ist steiler. Wer hier eine Terrasse hat macht geilen Wein, aber bestimmt keinen Urlaub. Im verschlafenen Bullay-bü endet die Fahrt der Moselbahn. Unser Ziel: Pünderich. Next Door zu Clemens Busch. Unsere Wohn-Lage könnte malerischer nicht sein. Vis-a-vis zur Marienburg lassen wir den Abend ausklingen. Mit einem „Moseltraum“ und dem passenden Wein dazu.

„Moselplatte“ mit Weinbegleitung – ein Traum.
Nein, kein Wein. Das Klima ist mild an der Mosel.

Unsere erste Mythos Mosel Station beherbergt schon Hochkaräter der Winzerszene und legt die Öchsle-Messlatte damit schon mal richtig an.

Richtungsweisend.

Eine erste Überraschung: viele Weinguter zeigen was ihr Wein für ein Entwicklungspotenzial besitzt und schenken auch deutlich ältere Jahrgänge aus. Ein Zeichen! Wein endlich mal Zeit zu geben. Man wird mit höchstem Genuss belohnt.
Zudem werden viele Große Gewächse über die Gaumen der #rieslinglover rinnen. Also, ab in den Keller!


Bei Heymann-Löwenstein aus Winningen warten 5-mal Große Gewächse. Die 17er Jahrgänge vom Stolzenberg, Röttgen, Uhlen Blaufüßer Lay, Uhlen Laubach und als Zugabe den 16er Uhlen Roth Lay. Der Laubach beeindruckt mit dem überraschenden Zusammenspiel einer kraftvollen Nase und unglaublichen Leichtigkeit am Gaumen. Mit dem Wissen der geologischen Herkunft und als Mitglied im Alpenverein ist der Respekt für diese Weine um so größer. Ebenso die Genussfreude!

Ein paar Schritte weiter dann erneut der bekannte Weinberg von der Bahnfahrt: Uhlen. Von dem Weingut, das die Lage international ins trockene Gedächtnis gebracht hat: Knebel. Die Frühschicht am Stand übernimmt die frischgekelterte Frau Knebel. Hier trifft der Jahrgang 2018 auf 2008, dem Geburtsjahr meiner Tochter. 11 Jahre auf der Welt bzw. in der Flasche. Und nicht nur wir vergewissern uns mit Nachfragen ob es denn kein Druckfehler sei. Man mag nicht glauben was man schmeckt. Der 2008er ist frisch und elegant, zeigt nur einen Hauch von Reife. Beeindruckend! Im Glas: 2008 Uhlen trocken, 2008 Röttgen trocken, 2018 Röttgen Kabinett, 2018 Röttgen Spätlese und 2018 Röttgen Auslese. Eigentlich könnten wir uns jetzt mit der Flasche ans Moselufer setzen, was nur einen Campingwagen entfernt liegt. Mehr geht doch nicht?!
Aber der weitere Verlauf zeigt, Moselrieslinge sind auf einem hohen Niveau. Und wirklich jeder Riesling ist anders. Also unfreiwillig spucken und weiter!
Der Gastgeber wartet. Und ein Haartes Stück „Arbeit“. Clemens Buschs Weine fügen sich nahtlos fein ein. Im Ausschank: 2017 vom roten Schiefer, 2016 vom grauen Schiefer. Beide sehr elegant. 2016 Nonnengarten, ein 17er Großes Gewächs Rothenpfad von der Marienburg und ein 18er Marienburg Kabinett mit richtig Trinkfluss.
Auch beim Weingut Haart gibt’s ein paar Entdeckungen, die am Gaumen haften und in Erinnerung bleiben. Das 2012er Goldtröpfchen GG, der 2018er Goldtröpfchen Kabinett. Sowas von nett! Und eine 2010er Goldtröpfchen Spätlese. Ein köstliches, harmonisches Miteinander von Frische und Reife.


Unser nächster Stopp Kröv. Der Nacktarsch präsentiert sich im Vorbeifahren noch frühlingsfrisch grün. Das alte Image bedienen auch leider noch ein paar Touristen, die die Mosel scheinbar mit Mallorca und den Riesling mit Sangria verwechselt haben.
Aber auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt: die Zeiten ändern sich! Dazu passt auch die Station der „Jungen Talente“.

Alt, aber nicht bewährt.

Beim Gastgeberweingut Hermes verkosten wir die moderne Interpretation der weltbekannten Kröver Lage. Auch vor Ort das Weingut Später-Veith, der Jungwinzer ein Vetter von Philipp Kettern, der zusammen mit Daniel und Dirk Niepoort Fio Wines gegründet hat. Auch hier ist Piesport im Glas. Unter anderem ein 15er-Goldtröpfchen. Die alten Reben wurzeln aus dem Jahr 1954. Eine spannende Kollektion. Ein Rarität und Abwechslung zum Riesling gibt’s beim Weingut Frieden-Berg aus Nittel. Ein spontanvergorener, erfrischender Elbling namens Novum. Auch am Start, der „Marc Forster“ unter den Winzern. Lukas Bollig, hat eine Premiere im Gepäck, ein 6 Jahre gereifter Sekt. BRUTal gut. Großer Herrgott macht auch Spaß.


Traben-Trarbach ist architektonisch ein Juwel. Und beheimatet einen Schweizer, der geschliffene Rieslinge macht: Daniel Vollenweider. Besonders der trockene Wolfer aus 2011 ist ein Riesling der Berge versetzen kann.

Zollfreie Einreise in schweizer Terroirtorium.

Nebenan schenkt Dr. Loosen ein großartiges Großes Gewächs aus. Graacher Himmelreich Alte Reben. Der Name ist Programm. Die schon etablierten Newcomer Materne & Schmitt zeigen mit einem 16er und 17er Riesling aus Winningen wie unterschiedlich die Jahre sein können. Auch ein paar Saarkinder sind vor Ort. Stefan Müller hat aus Alten Reben einen schönen Kabinett und eine sonnige Spätlese dabei.


Nächster Halt: Enkirch.

Unser Rieslingfreund.

Immich-Batterieberg definiert Riesling ganz anders. Ausgebaut im Holz entwickeln sich die großen Gewächse außerordendlich anders. Den Weinen wird auch ein Jahr länger Zeit gegeben bis zur „Marktreife“. Der aktuelle Jahrgang ist hier 2017. Der CAI und die Detonation sind noch klassische Moselstilistik, schlagen trotzdem ein wie eine Kanonenkugel. Markus Molitor trinkt man einfach, schweigt und genießt. Im Speziellen die Auslese der Zelinger Sonnenuhr aus dem Jahrgang 2009.
Immich-Anker hat einen Zero Dosage Sekt gemacht, der 100 Geschmackspunkte erreicht. Bei S.A. Prüm wird die Tradition mit einem sehr gelungenen, maischevergorenen „Nicht-Orange“-Riesling. gebrochen. Auf dem Etikett ein X, der Name: Cross Border. Kommt erwartungsgemäß bei jungen Rieslingdfans an, überzeugt aber selbst klassische Weintrinker. Und harmoniert in einer Reihe mit dem Großen Gewächs Wehlener Sonnenuhr von 2015.


Letzter Halt: Briedel.
Beim Weingut Walter haben sich die Shooting-Stars der „Spätlese“-Szene versammelt. Franzen, Karthäuserhof und Grans-Fassian.

Die junge Generation hat jetzt schon cooles Zeug in der Flasche. Und arbeitet dafür am härtesten. Und steilsten. Bei Franzen sind die Sommer sehr groß und die Weine noch größer. Ausnahmslos alle machen richtig Spaß und sind fein und facttenreich.
Beim „Newcomer“-Weinlabel ohne Label, dem Karthäuserhof, fehlt es nicht nur am Hauptetikett, sondern vor allem an Esprit in der Präsentation. Die Weine sprachen glücklicherweise für sich.
Der Gastgeber Gerrit Walter hat eine paar Rieslinge mit gutem Druck in die Flaschen gebracht. Und einen würzig-mineralischen Weißburgunder. Eine geschmackliche Abwechslung nach einem rieslingreichen Tag.


Nach den Sonntagsbrötchen dann die Rückreise in den Norden. Zwischen Münster und Bremen, noch in Rieslinggedanken, zieht die Landschaft vorbei. Zwischen den Feldern taucht scheinbar eine Reihe Rebstöcke auf. Aber nein, es war nur eine Tannenschonung. Der Nachwuchs der Weihnachten … Wäre ja auch zu schön gewachsen.


700 Weine von 120 Weingütern wurden an 2 Tagen präsentiert. Die persönliche Bilanz: 20 Weingüter und 78 verkostete Weine. Ein perfekter Tag. Und wieder eine perfekte Organisation. Wer hier in den Weinbergen der Terrassenmosel arbeitet hat allen Respekt verdient. So wie auch die Weine, die dies mit ihrem einzigartigen Mosel-Geschmack unterstreichen.

Da war einiges dabei für den eigenen Keller.

Abschließend noch eine letzte Reiseanekdote:
Was macht eine Amsel in der Deutschen Bahn? Sie wird zum Zug-Vogel. Eine ältere Frau transportierte tatsächlich den frisch geschlüpften Vogel von Köln nach Kiel. Jede halbe Stunde stand war Fütterung, mit frischen Würmern (nicht aus dem Bordrestaurant). Der Vogel dankte fröhlich zwitschernd. Wie ihn die Möwen wohl begrüßt haben? Und wie er sich in Kiel mit den neuen Spielkameraden wohl versteht?
Hoffentlich geht’s ihm so gut wie uns an der Mosel.

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