ProWein Tagebuch Teil 3: DER RARITÄTENRETTER

Nein, die Rede ist ausnahmsweise nicht von Gerhard Retter, sondern von Johannes Gebeshuber aus Gumpoldskirchen in der Thermenregion.


Dieses kleine, feine Weinbaugebiet liegt zwischen Wien und Bad Vöslau, südöstlich des Wiener Walds, in der schon die Römer, nicht nur in den heißen Quellen gebadet haben … Später ließen sich Mönche die Weine der Region schmecken.
Hier hegt und pflegt nun Johannes Gebeshuber mit kritischem Gaumen zwei Wein-Diven.
Eigentlich müssten diese längst vom Austrinken bedroht sein. Aber die raren Rebsorten haben nicht viele auf dem Radar. Ein Glück für alle, die gerne einen besonderen Tropfen genießen!

So marschierten auch die russischen Streitkräfte nach dem zweiten Weltkrieg an Gumpoldskirchen vorbei, da vom aktuellen Kriegsjahrgang schon von anderen zu viel geplündert war. Ein Schicksalswink, denn so blieb der üppig gefüllte historische Weinkeller verschont und der Ortsweinbau-Verein kann heute stolz präsentieren und belegen welches Reifepotenzial die Weine haben.
Traubenplünderung war auch danach noch an der Tagesordnung, denn wer sehnte sich nicht nach ein wenig Süße in der Zeit.
Bis in die 1950iger Jahre der Nachkriegszeit wurden die Weingärten sogar bewaffnet bewacht. Und so gibt es noch heute die Tradition, dass ein lautstarkes Erntesignal ertönt. Mit „Musketen“-Schüssen wird die Lese jedes Jahr freigeben.


Oft wird im Weinbau von Microklima gesprochen, in Gumpoldskirchen ist er erlebbar. Denn fast nur hier wachsen die beiden Rebsorten.
Die Rede ist vom Rotgipfler und vom Zierfandler.
In Deutschland gibt es an die 140 Rebsorten auf einer Fläche von 102.000 Hektar. In Österreich sind 40 Rebsorten (26 Weiße und 14 Rote) zur Weinherstellung zugelassen.
Die Fläche für Weinbau beträgt rund 46.000 Hektar. Der seltene Zierfandler, noch dazu eine empfindliche Rebsorte, ist gerade mal auf 100 Hektar in ganz Österreich vertreten. Dem Rotgipfler, die zweite Spezialität aus Gumpoldskirchen, geht es ganz ähnlich. So kann man diese Weine quasi als autochtone Ortswein klassifizieren. Aber wer braucht ein Schema, wenn er schon Klasse hat.


Kalkhaltige Böden und warme Südlagen machen den Rotgipfler, der eine Kreuzung aus der Aromasorte Traminer und Rotem Veltliner ist, zu einem säurebalancierten Wein mit feinem Bukett.
Der Zierfandler ist ein halbes Waisenkind, von ihm ist nur ein Elternteil bekannt. Ebenfalls der rote Veltliner. In der frühen Reife ähnelt die Traubenschale, die sich rötlich färbt, einem Grauburgunder, allerdings ist Zierfandler längst nicht so ertragreich und pflegeleicht, dafür finessenreicher und blumiger. Die Trauben sind boytritisanfällig und erfordern saubere Arbeit im Weingarten.
Für die Zukunft, die im Zeichen des Klimawandels steht, könnte es eine Chance sein, denn Trockenheit verträgt er gut.


Johannes Gebeshuber hat eine beachtliche Entwicklung gemacht. Lange bevor das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde war hat er, seinen Weingärten und Weinen, statt sie als Wertanlage zu betrachten, echte Wertschätzung zukommen lassen.
Und er kam vor 20 Jahren zur rechten Zeit, um viele alte Rebstöcke vor dem Ausroden zu retten. Daher wurzeln seine Weine heute auf 60–70 Jahre alte Reben. Er arbeitet nicht nur biodynamisch sondern auch nach demeter, der gänzlich natürlichen Lehre des Gründers von Waldorfschulen und Weleda-Naturkosmetik.
Johannes Gebeshuber ist eins mit sich und der Natur, das spürt man sofort, wenn er von seiner Arbeit und seinen Idealen spricht. Und da er auch höchst selbstkritisch ist, setzte er die Jahrgänge 2004 bis 2010 aus. Denn statt den historischen Gumpoldskirchner in die Flasche zu bringen, also eine Cuvée beider Sorten, tüftelte er an dem perfekten reinsortigen Ausbau. Der Reifeprozess hat ihm und seinen Weinen gut getan. Und jeder für sich wirkt heute frischer denn je!


Den Einstieg in die Weinwelt von Johannes Gebeshuber macht man am besten querfeldein mit weißem und rotem Gemischten Satz, also einem Multikulti-Weingarten mit verschiedensten Trauben. Ebenfalls ein historische Spezialität aus und um Wien. Die natürlich und gemeinsam aufgewachsenen und vergorenen Rebsorten ergeben äußerst spannende Weine, die sich in ihrer Entwicklung immer wieder anders zeigen, da jede Rebsorte ihren Charakter mit der Zeit unterschiedlich entfaltet.
Herausragend und nachhaltig beeindruckend – ich hab ihn beim Schreiben wieder am Gaumen – ist der Zinfandler der Ried Modler. Was für ein Duft (leicht nach Whiskey) und was für ein cremiges Aroma.


Also: Feuer frei! Es ist nie zu Spätrot einen Zierfandler und Rotgipfler zu probieren!
Aber bitte nicht mit Zinfandel verwechseln …


In Düsseldorf machten die Gumpoldskichner Guys Johannes, Ferdinand und Paul mit ihren aktuellen Weinen und ein paar Schätzen – anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der ProWein 2019 – richtig Freude. Dafür hatten Sie die Jahrgänge 1969, 1979 und 1989 inklusive Kellerstaub im Gepäck.

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